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DORTMUNDER U
Zentrum für Kunst und Kreativität
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund

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v.li.: Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kuturbetriebe Dortmund), Dr. Martin Hoernes (Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung), Regina Selter (stellv. Direktorin Museum Ostwall) und Dr. Nicole Grothe (Sammlungsleiterin Museum Ostwall) / Foto: Roland Gorecki, Dortmund Agentur

v.li.: Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kuturbetriebe Dortmund), Dr. Martin Hoernes (Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung), Regina Selter (stellv. Direktorin Museum Ostwall) und Dr. Nicole Grothe (Sammlungsleiterin Museum Ostwall) / Foto: Roland Gorecki, Dortmund Agentur

Neues Meisterwerk von Christian Rohlfs für die Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U

Die expressionistische Sammlung des Museums Ostwall im Dortmunder U erhält Zuwachs: Mit Mitteln der Stadt Dortmund und einer großzügigen Förderung der Ernst von Siemens Kunststiftung wurde das Gemälde „Jüngling am Scheideweg(e)“ aus dem Jahr 1917 von Christian Rohlfs angekauft. Zu den 25 Werken Christian Rohlfs‘ im Bestand des MO, darunter einige Landschaften aus seiner Weimarer Zeit und einige expressionistische Blumenbilder, kommt damit nun ein Gemälde hinzu, das eine wichtige Position im Gesamtwerk des Künstlers einnimmt. 
Das Ölgemälde zeigt einen jungen Mann in rotem Gewand im Gespräch mit einer alten und einer jungen Frau; sein Gesicht ist der jüngeren zugewandt, die eine Hand auf seinen Rücken legt und zu ihm spricht. Wo sich die Szene abspielt, ist unklar: Der flächig gehaltene Hintergrund deutet die Gabelung eines Weges an. Die expressive Farbgebung – ein spannungsreicher Komplementärkontrast zwischen Rot und Grün – unterstreicht die Wichtigkeit der nun zu treffenden Entscheidung. 

 
Biblische oder autobiografische Deutung? 

 
Das Bild entstand 1917 in einer Zeit, in der Rohlfs sich häufig biblischen Motiven zuwandte. So liegt es zunächst nahe, die Szene als Darstellung des Königs zu Babel zu interpretieren, der an einem Scheideweg die Theraphim zu Wahrsagungszwecken befragt, wie es bei Hesekiel im Alten Testament beschrieben wird. Eine andere Lesart verweist auf die Herkulessage in der griechischen Mythologie, nach der sich der jugendliche Held zwischen dem bequemen Weg des Lasters und dem anstrengenden Pfad der Tugend, hier verkörpert durch die alte und die junge Frau, entscheiden muss. 
Dr. Birgit Schulte vom Christian Rohlfs Archiv am Osthaus Museum Hagen, die das Gemälde als Schlüsselwerk im Œuvre Christian Rohlfs‘ betrachtet, legt noch eine dritte, autobiografische Interpretation nahe. Sie schreibt: 
„Das Grauen und die Bedrohung des Ersten Weltkriegs hatten Rohlfs in eine tiefe Schaffenskrise gestürzt. In seine Staffelei hatte er, statt eines Gemäldes, eine Kriegskarte eingespannt und verfolgte die täglichen Depeschen von der Front. Im zweiten Kriegsjahr fand er langsam wieder zu seiner Schaffenskraft zurück […]. Vor diesem Hintergrund lässt sich das Motiv des Scheidewegs auch lesen als die symbolisch verarbeitete Entscheidung des Künstlers, die Vergangenheit zu bewältigen und sich dem Weg in eine kreative Zukunft zuzuwenden. Gestützt wird diese Deutung durch die Interaktion der drei Gestalten: die Abwendung des Protagonisten von der düsteren, verhüllten Gestalt, welche die überwundene tragische Krise verkörpert, und die Hinwendung zu der jungen, die Zukunft und Hoffnung verkörpernden Frau in Grün.“ 


Bedeutung für die Sammlung des MO 


Das Museum Ostwall hat bereits 25 Werke von Christian Rohlfs‘ im Bestand, darunter einige Landschaften aus seiner Weimarer Zeit und einige expressionistische Blumenbilder aus den späten 1910er und frühen 1920er Jahren. Der Neuankauf ergänzt den MO-Sammlungsbestand in zweierlei Hinsicht: 
Zum einen knüpft das Gemälde in seinem expressionistischen Duktus an die von Dr. Leonie Reygers in den 1950er und 1960er Jahren aufgebaute expressionistische Sammlung an. Rohlfs kam 1901 auf Empfehlung des neuen Akademiedirektors in Weimar, Henry van de Velde, nach Hagen an das Folkwang-Museum, wo Karl Ernst Osthaus ihm ein Atelier zur Verfügung stellte. Der Künstler befasst sich zunächst mit den Arbeiten Renoirs, Cézannes, Gauguins und van Goghs, findet aber um 1913, langsam zu einer eigenen expressionistischen Ausdrucksweise. Durch die Begegnung mit Werken der Brücke-Künstler tritt der räumliche Eindruck in seinen Bildern langsam zu Gunsten einer autonomen Farbwirkung zurück. Ein frühes Beispiel dieser Entwicklung ist das 1912 entstandene „Clowngespräch“ von 1912 aus der Sammlung des Museums Ostwall. 
Zum anderen knüpft das Werk jedoch auch an die programmatische Auseinandersetzung des Museums Ostwall mit lebensnahen Themen an. Seine Präsentation in der Ausstellung „Body & Soul“ am Übergang des Kapitels „Was wir fürchten“ zu „Woran wir glauben“ unterstreicht die existenzielle Tragweite mancher Entscheidungen, vor die das Leben uns zuweilen stellt. Sowohl die Verweise auf das Alte Testament und die griechische Mythologie als auch die biografische Interpretation des Werkes lassen uns als Betrachter*innen über unser eigenes Leben nachdenken: In welchen Situationen haben wir vor einer wichtigen Entscheidung gestanden, die unser Leben grundsätzlich verändern würde und die uns alles andere hat ausblenden lassen? 


„Mit ,(Jüngling) Am Scheideweg(e)‘ von Christian Rohlfs gelangt ein bemerkenswertes Gemälde in das Museum Ostwall, das mit seinem aus dem Leben gegriffenen Bildthema und seiner ausdrucksstarken Gestaltung berührt. Zudem ergänzt es in hervorragender Weise die bestehende Sammlung der klassischen Moderne und bleibt doch durch seine Gestaltung und Größe in Rohlfs Œuvre und darüber hinaus außergewöhnlich!“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung. 
Für Regina Selter, stellvertretende Direktorin des Museums Ostwall, ist der Ankauf des Werks eine Herzensangelegenheit. Sie konnte die Ernst von Siemens Kunststiftung für eine Förderung gewinnen und freut sich sehr über den Zuwachs für die Sammlung: „Seit der Gründung des Museums Ostwall ist es unser Ziel, den Bestand expressionistischer Kunst kontinuierlich zu erweitern. Mit diesem Gemälde aus dem Kriegsjahr 1917 ist es dank der Förderung gelungen, ein Schlüsselwerk dieses experimentierfreudigen Künstlers zu erwerben. Die gestalterische und zugleich inhaltliche Vielschichtigkeit dieses Werkes macht es zu einer sehr wertvollen Ergänzung unseres Christian-Rohlfs-Konvoluts“, so Selter. 

 

Autor/in: Katrin Pinetzki

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