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DORTMUNDER U
Zentrum für Kunst und Kreativität
Leonie-Reygers-Terrasse
44137 Dortmund

+49 (0) 231.50-24723
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Kunst. Gerede.

Dortmund, Fußgängerzone: Eine junge Frau zieht einen Schuh am Bindfaden hinter sich her. Es ist die Wiederholung einer Kunstaktion, die Allan Kaprow, der Vater des Happenings, 1989 in Bonn veranstaltete. Ob Dortmund 23 Jahre später reif dafür ist?

 

„Kumma, die da!“, tuscheln die Leute und stoßen sich gegenseitig an. „Die ist wohl bekloppt?“ Aber bekloppt sieht das gar nicht aus, was die Kunstvermittlerin Dorothee Tesmer da veranstaltet, sondern ganz schön souverän. Zöge sie ein Krokodil hinter sich her, könnte die Wirkung nicht eleganter ausfallen als jetzt, wo sie einen roten Damenschuh durch Regenpfützen schleift. Ab und zu „versorgt“ sie den armen Pumps mit einem Stückchen Pflaster, wenn der zu arg gelitten und sich verletzt hat. Ooohh!

Dorothee Tesmer arbeitet im Dortmunder U. Ihre Aktion ist Auftakt der Filmserie „Kunst.Gerede“,  mit der Hemmschwellen gegenüber dem Besuch des bislang von den Dortmundern wenig geliebten Kunst- und Kreativzentrums abgebaut werden sollen. Lieber den kunstfernen Bürger mit subtilen, liebevollen Aktionen „in die Kunstrezeption einführen“ und das U und seine Schätze auf diese Weise attraktiv machen.

Vom Museum auf die Straße

Tesmers Spiel hat eine Vorgeschichte und einen konkreten Anlass: Die ein wenig verschlafene, aber durchaus reiche ehemalige Bundeshauptstadt Bonn schien 1989 ein guter Ort für das Schuh-Happening des Aktionskünstlers Allan Kaprow gewesen zu sein. „Take A Shoe For A Walk“ klang einladender und weniger gefährlich als Lou Reeds „Take A Walk On The Wild Side“, geradezu kuschelig war ja auch Kaprows Kümmerer-Anweisung, Sorge um den Schuh zu tragen. Kaprows Schuh landete damals, arg lädiert, mit Pflastern und Mullbinden verarztet, von der Straße im Museum – und von dort, nämlich aus der Ausstellung „Fluxus – Kunst für alle“ im Museum Ostwall im Dortmunder U, sollte die Idee nun zurück auf die Straße gebracht werden.

„Wir waren Kunst“

In die Dortmunder Situation Ende 2012 passt die Wiederholung des Kaprow’schen Happenings wie die Faust aufs Auge. Dem verkrampften Kaufrausch der Vorweihnachtszeit setzt die Aktion augenzwinkernden Witz entgegen, der von Arbeitslosigkeit und Armut bedrohten Stadt von Kaprow verordnete soziale Wärme nach dem Motto „Wer sich um einen armen Schuh kümmert, kann kein schlechter Mensch sein.“ Kulturbürokraten und glücklosen Kunstveranstaltern sagen die ruhrgebietstypisch schlagfertigen Reaktionen der Passanten überdies eine Menge über die Rolle der Kunst im öffentlichen Raum. Bring Kunst zu den Leuten, und sei sie auch so verspielt wie Kaprows Aktion, irritiere sie in ihrem Alltag, und sie werden nachfragen, kommentieren, sich damit befassen. So wie der Einkaufsbummler aus Wuppertal, der sich im nasskalten Dortmunder Winter offenbar dermaßen in einen Sommerschuh verliebt hatte, dass er ihn – samt Pflaster, versteht sich – mitnahm auf seine Heimfahrt ins Bergische, ihm den Namen „Frieda“ gab und Stationen der gemeinsamen Reise fotografisch dokumentierte. Da stimmt das Damenkränzchen auf dem Weihnachtsmarkt begeistert ein: „Wir waren Kunst!“

Es war nicht Kohl, es war Kaprow!

So ist es also erneut bewiesen: Nicht Luxus, sondern das FFF davor verändert die Welt. Gib mir ein F! Der Humor und Hintersinn des Fluxus passt bestens zur Mentalität des Ruhrgebiets. Also die Fluxus-Sammlungen nicht länger im Museum horten, sondern raus damit auf die Straße! Das setzt Energien frei, das hat Sprengkraft. So eine kleine naive Schuh-Aktion damals in Bonn, denkt man vielleicht – aber wir wissen ja, was daraufhin 1989 alles passierte… (Peter Erik Hillenbach)

Weitere Informationen

Ein Projekt gefördert durch das Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen